Ergebnisse des Projekts "Autonomie im Alter"

Forschungsprojekt an der Katholischen Hochschule Freiburg

Ausgewählte Ergebnisse des Forschungsprojekts

 

Martin Huber

Ausgewählte Befunde werden vorgestellt und deren Interpretation vorgenommen

Abschließend werden Konsequenzen für Management und Pädagogik abgeleitet

Informationsgrad

Zum Informationsgrad konnten 22 Aussagen der befragten Bewohnerinnen ausgewertet werden.

16 Aussagen konnten als weitgehende bis vollständige Informiertheit geclustert werden. Jeweils 3 Aussagen beschreiben eine teilweise Informiertheit beziehungsweise eine geringe bis nicht vorhandene Informiertheit.

Anhand der Graphik wird deutlich, dass sich die Bewohnerinnen als überwiegend gut bis sehr gut informiert erleben.

Bei der genaueren Betrachtung fällt auf, dass sie sich nur in den Unterkategorien Freizeit und Wohnen als weitgehend bis vollständig informiert fühlen.

Zum erlebten Entscheidungsspielraum konnten 24 Aussagen verwertet werden.

 

Entscheidungsspielraum

5 Aussagen beschreiben einen weitgehend bis vollständig vorhandenen Entscheidungsspielraum, 7 Aussagen wurden unter „teilweise vorhandenem“ und 12 Aussagen unter „gering bis nicht vorhandenem Entscheidungsspielraum“ gruppiert.

Demnach erleben die 6 Interviewpartnerinnen überwiegend ihre Entscheidungsspielräume als nur teilweise bis gering oder sogar nicht vorhanden.

 

Bei der Betrachtung der Unterkategorien fällt auf, dass mit Ausnahme der Unterkategorie Freizeit, in der von den Befragten ein eher hoher Entscheidungsspielraum erlebt wird, die Aussagen tendenziell in Richtung eines nur als gering erlebten Entscheidungsspielraumes gehen. Besonders deutlich wird dies in der Unterkategorie Körperpflege, in der bis auf eine Ausnahme alle Befragten ihren Entscheidungsspielraum als nur gering bis nicht vorhanden einschätzten.

 

Die Frage nach der Wichtigkeit des Entscheidungsspielraumes ergab nur in einer Unterkategorie einen deutlichen Trend. Der Mitbestimmung im Bereich Wohnen wurde mehrheitlich eine hohe Wichtigkeit zugesprochen. Dies vor allem bei den Mitbestimmungsmöglichkeiten bezüglich der Einrichtung des Zimmers.

In den übrigen Unterkategorien ließ sich kein eindeutiger Trend feststellen.

 

emotionale Tönung

In der Kategorie emotionale Tönung war das Spektrum der geäußerten Gefühle und Empfindungen differenziert. Eindeutige Tendenzen ließen sich nicht feststellen.

Alle geäußerten Gefühle wurden anhand eines Antwortenspektrums den einzelnen Unterkategorien zugeordnet.

In der Unterkategorie Körperpflege zeichnete sich ein Spektrum ab, welches sich von Gefühlen, wie Zufriedenheit und Wohlbefinden über ein Hinnehmen der gegebenen Situation bis hin zu einem Gefühl der Entwürdigung erstreckte.

In der Unterkategorie Ernährung reichte das Spektrum der geäußerten Gefühle von Zufriedenheit über die Aussage, dass man froh sei, dass andere einem die Entscheidung abnehmen bis hin zu Gleichgültigkeit.

In der Unterkategorie Freizeit reichten die Aussagen von Zufriedenheit über ein Hinnehmen von Einschränkungen bis hin zu Gefühlen, wie Bevormundung und Machtlosigkeit.

In der Unterkategorie Wohnen wurden Gefühle wie Wohlbefinden, der Wunsch nach mehr Privatheit, Machtlosigkeit, Verlusterleben und das Gefühl des Ausgeliefertseins geäußert.

 

 

Anhand einzelner Ankerbeispiele aus der Unterkategorie Körperpflege möchten wir verdeutlichen, welche Aussagen sich hinter den Gefühlen verbergen.

 

Zufriedenheit

wurde anhand folgender Aussage generalisiert :

„Ich bin hier mit allem zufrieden, man muss doch froh sein, dass man hier sein darf und so gut aufgehoben ist…“

 

Wohlbefinden

entstand aus der Antwort: „Es sind alle sehr nett und hilfsbereit, nicht grob sondern “ganz solide, da gibt es keine Schwierigkeiten. Das ich übergangen werde oder so,   das Gefühl habe ich gar nicht.“  

 

Folgende Frage wurde gestellt:

„Wie wichtig ist es Ihnen selbst entscheiden zu können, wann sie z.B. Baden oder um wie viel Uhr Sie sich waschen?“

In der darauf gegebenen Antwort drückte sich das Gefühl des

Hinnehmens der gegebenen Situation aus:

 „Ja das ist mir zwar wichtig, aber wenn halt mal gesagt wird heute klappt es nicht, bleib ich halt im Dreck.“

 

Ein Gefühl der Entwürdigung

wurde in folgender Interviewsequenz deutlich:

Zur morgendlichen Körperpflege wurde nachgefragt: „Heißt das, dass jemand kommt und neben Ihnen stehen bleibt, bis Sie den Unterleib gewaschen haben?“

„Ja.” (bestätigend)

„Wie finden Sie das?

„Scheußlich. Aber, ich bin ja kein Mensch. Ich bin ja nur Heimbewohner.“

 

Die Ihnen vorgestellten Ergebnisse haben wir folgendermaßen interpretiert.

Bei der Auswertung fiel  ein als hoch erlebter Informationsgrad und ein als tendenziell eher gering erlebter Entscheidungsspielraum auf.

Eine Erklärung für diesen Gegensatz liegt laut derBiomed-2-Studie darin, dass Pflegende von älteren Menschen wenig Selbständigkeit und Selbstbestimmung erwarten und deshalb zwar Informationen geben aber weniger Zustimmung zu pflegerischen Interventionen von ihnen einholen“

 

Der Unterkategorie Wohnen wird von der Mehrzahl der Interviewpartnerinnen eine hohe Wichtigkeit beigemessen. Die Frage „Können Sie bei der Zimmerbelegung  mitbestimmen?“ ergab jedoch, dass die befragten Bewohnerinnen  nur einen teilweise bis nicht vorhandenen Entscheidungsspielraum erlebten, also nicht mitentscheiden durften, wer mit Ihnen das Zimmer teilt.

4 der 6 interviewten Frauen leben in einem Doppelzimmer.

Schopp et al. sprechen in diesem Zusammenhang von einer Verletzung der Privatheit, wenn zu viele ein Zimmer teilen müssen und die räumliche Gestaltung ihnen keine Möglichkeit zum Alleinsein bietet“

Schneekloth und Müller betonen, warum dem Wunsch nach Entscheidungsmöglichkeiten im Bereich Wohnen selten nachgegangen wird. Denn werden  Pflegende danach gefragt, schätzen sie den gegebenen Handlungsspielraum, den Bewohner in Bezug auf den neuen Mitbewohner, den Zimmerschlüssel oder die Möblierung haben als sehr hoch ein.

 

Bei der Frage nach der emotionalen Tönung zeigte sich bei allen Unterkategorien ein breites Spektrum an geäußerten Gefühlen und Empfindungen. Dies unabhängig davon, wie informiert sich die Bewohnerinnen fühlten oder wie sie ihre Möglichkeiten zur Mitbestimmung einschätzten. Als Beispiel können hier Freizeit und Körperpflege dienen. Bei der Unterkategorie Freizeit wurde sowohl der Informationsgrad als auch der Entscheidungsspielraum als hoch bewertetet.

Bei der Körperpflege wurde der Informationsgrad zum einen als hoch aber überwiegend als nur teilweise bis nicht vorhanden beschrieben. Der Entscheidungsspielraum in dieser Unterkategorie wurde als nur gering bis gar nicht vorhanden erlebt.

Trotz dieser Unterschiede äußerten die Bewohnerinnen ein vergleichbares Spektrum an Gefühlen.

Lässt sich daraus der Schluss ziehen, Pflegende müssen ältere Menschen nicht informieren und nicht um ihre Entscheidung fragen?

Denn ganz gleich wie gut Bewohnerinnen sich informiert fühlen und welche Entscheidungsspielräume sie wahrnehmen, sie können zufrieden sein aber auch gleichgültig oder sich sogar als machtlos und ausgeliefert erleben.

Natürlich lässt sich die Frage mit Nein beantworten, denn es gibt weitere Faktoren, welche darauf Einfluss nehmen, wie der Heimalltag erlebt wird.

Zum Beispiel das

Persönliche Interpretationsmuster der älteren Menschen

Anhand der Gegenüberstellung der Aussagen zweier Bewohnerinnen soll es  exemplarisch vorgestellt werden.

Nennen wir die Bewohnerinnen Frau Maier und Frau Schulz.

Frau Maier fühlt sich generell gut informiert. Sie gibt an, in allen Unterkategorien wenig oder gar keinen Entscheidungsspielraum zu haben.

Fazit: Sie äußert überwiegend ein Gefühl der Zufriedenheit.

 

Frau Schulz betont, sie fühle sich allgemein gut informiert, nur bei der Körperpflege fühlt sie sich bedingt informiert. Entscheidungsspielräume kann sie außer in ihrer Freizeit nur wenig nutzen.

Sie äußert Gefühle, wie Hinnehmen, Machtlosigkeit und sogar Entwürdigung.

Es ist zu sehen, dass sich Frau Maier und Frau Schulz im erlebten Informationsgrad und Entscheidungsspielraum nur graduell unterscheiden, dennoch unterschiedliche Gefühle äußern.

 

Doch was beeinflusst die emotionale Tönung neben erlebten Entscheidungsspielräumen und persönlichen Interpretationsmustern zusätzlich?

Besonders die  Lebensbiografie ist in diesem Zusammenhang entscheidend. Thomae weist darauf hin, dass ältere Menschen, die heute im Pflegeheim leben, zur Kriegsgeneration gehören und auch intensiv die Nachkriegszeit mit Hungersnot und dem Wiederaufbau erleben mussten.  Deshalb bewerten sie ihre jetzige Lebenssituation im Alter möglicherweise nur im Vergleich zu Belastungen früherer Lebensabschnitte positiv“

 

Die Art und Weise wie der Umzug ins Heim stattfindet, entscheidet über das Erleben des Heimalltags, so ergab die Mugsla-Studie, dass „Bewohnerinnen, die ihren Umzug rechtzeitig und langfristig geplant und sich mit dem Leben im Heim auseinandergesetzt haben, in der Regel mehr Interesse daran zeigten, ihre Wünsche auch umzusetzen“

Ein Zitat von Koch-Straube aus ihrer ethnologischen Studie Fremde Welt - Pflegeheim verdeutlicht, um was es sich bei Institutionalisierungseffekten handelt:

„Das Vorhandensein expliziter und diffuser Regelungen bedingt einen hohen Anpassungsdruck, dem die BewohnerInnen aus Angst vor Übertretung der Regeln und vor negativen Folgen oder aus Hoffnung dadurch erzielbarer vermehrter Zuwendung weitgehend nachgeben“

Bezogen auf die erlebten Entscheidungsspielräume zeigte sich die Tendenz, dass je enger die Unterkategorie in den täglichen Organisationsablauf des Heimes eingebunden ist, desto geringer sind die Entscheidungsspielräume der Bewohnerinnen. So fällt auf, dass bei der Körperpflege der Entscheidungsspielraum der Bewohnerinnen als gering bis gar nicht vorhanden eingeschätzt wird. In der Freizeit, einem Gebiet also, das eher weniger durch die Organisation reglementiert wird, wird der Entscheidungsspielraum als eher hoch erlebt. 

„Nach einer unter der Leitung von Heinemann-Knoch vorgenommenen Untersuchung in Altenheimen wird bei der Körperpflege Selbstbestimmung häufig ignoriert, indem voll kompensierend gepflegt wird und auch geäußerte Wünsche selten zu adäquaten Reaktionen führen. Essenswünsche werden wohl weitgehend beachtet, jedoch nicht die Wünsche nach Essenszeiten“.

Welche Konsequenzen lassen sich aus den vorgestellten Ergebnissen für Management und Pädagogik ableiten?

Der 4. Altenbericht betont: eine „Wichtige Aufgabe in der Pflege ist es, Pflegebedürftige in Entscheidungsprozessen einzubeziehen, sie in den eigenen Entscheidungen bezogen auf ihre täglichen Aktivitäten  zu unterstützen. Grundlage hierfür sind adäquate Informationen“. 

 

Da sich, wie schon erwähnt, die Art und Weise des Heimeintritts auf das Erleben des Heimalltags auswirkt, ist es von besonderer Wichtigkeit schon frühzeitig mit einer entsprechenden Planung für einen Umzug ins Pflegeheim zu beginnen. Und weil ältere Menschen dem Wohnen eine hohe Bedeutung beimessen, müssen sie mehr darüber entscheiden dürfen, welche Möbel   wo im Zimmer stehen und natürlich wer mit ihnen Zimmer und Bad teilt.

 

Es ist nicht nur wichtig den älteren pflegebedürftigen Menschen mehr Entscheidungsmöglichkeiten einzuräumen, sondern auch auf deren Lebensgeschichte und deren persönliche Sichtweisen einzugehen, da diese Faktoren maßgeblichen Einfluss auf das Erleben des Alltags im Pflegeheim nehmen.

 

Laut der Mugsla-Studie sind nicht primär die organisatorischen Rahmenbedingungen, wie Dienstplangestaltung, Personal- und Zeitmangel oder die bauliche Situation sondern das Qualifikationsniveau der Mitarbeiter entscheidend, wie Wünsche und Bedürfnisse der alten, pflegebedürftigen Menschen berücksichtigt werden.

Deshalb müssen für Pflegekräfte Qualifizierungsangebote, die zur Entwicklung von Kompetenzen, wie Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und der Fähigkeit zur Gestaltung von Aushandlungsprozessen führen, weiter ausgebaut werden.

Das setzt einen kooperativen Führungsstil der Pflegedienstleitung voraus, denn wird von oben direktiv entschieden und angeordnet, was zu tun ist, überträgt sich das auf die Mitarbeiter, was die BewohnerInnen zu spüren bekommen.

 

Berücksichtigen wir die Sichtweise der Bewohnerinnen und richten die Pflege nicht nur daran aus, dass möglichst viele zufrieden sind, sondern nehmen die Anregungen und Beschwerden der wenigen Unzufriedenen, um das Leben im Heim noch lebenswerter zu gestalten.

 

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